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FM. ©. Saphir's Schriften.

Eabinets-Auggabe

in zehn Bänden.

Ausgewählte Schriften.

A. ©. Saphir.

Neunte Auflage.

Siebenteß Band,

Brünn und Wien. Berlag von Fr. Karafiat.

1876.

Ernſter und heiterer Conperſationsſaal.

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Die innern Menſchen, oder:

Der öffentliche Gerichtshof im Menſchen.

„Dem Menſchen wird es ſehr leicht, Andere zu beurtheilen, hingegen ſehr ſchwer, ſich in ihre Lage zu verſetzen, ohne welche Verſetzung gleich⸗ wohl keine richtige Beurtheilung möglich iſt.“

Jean Paul in „Zitan”.

&

S 6 jedem Menſchen fteden alle andern Men» 1 hen und nicht nur die Menfchheit. Im jedem

Menſchen ftedt ein Doctor, ein Advokat, ein Beichtvater, ein Polizei Agent, ein Oberftküchenmeifter, ein Architekt, ein General, ein Nachtwächter, ein Haiduk, ein Recenfent, ein Criminalrichter, ein Uhrmacher, ein Minifter, eine Köchin, ein Rabbiner, ein Diplomat, ein Zafchenivieler und noch Mehrere und Andere.

Geht der Menſch vor einem im Bau begriffenen Hauſe vorbei, fo ift er Architelt: „Ich hätte das ‘Ding fo gebaut!“ Beſucht er einen Kranken, fo ift er Arzt: „Fols

gen Sie mir und nehmen Sie das und das.” Erzählt man ihm einen Prozeß, jagt er: „Wenn ih Ihr Advokat wäre, jo hätt’ id) das geihan!" Erzählt man von

M. G. Saphir's Schriften. VII. BP. 1

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einem Diebftahl, jagt er: „Ich als Polizeivirector würde das ganz anders anfangen!" Lieſt er eine verlorene Schlacht, fo jagt er: „Ich bin zwar fein General, aber wenn ich gejehen hätte, daß die Kavallerie von dort kommt, hätte ich die Infanterie von dort kommen laſſen!“ Erzählt man ihm von den Dresdner Conferenzen, fo fagt er: „Ich hätt' mit dem Manteuffel anders geredet!" Fährt er Über ven Semmering, fo fagt er: „Ich als Ingenieur würde die Bahn durch den Adlitzgraben über den Kogel dort und ven Hügel da und bei jener Schlucht dort u. ſ. w. gebaut haben!" Hört er von den Fi⸗ nanzen, fo fagt er: „Das ift Alles nichts, ich würde ein ganz neues Geld einführen, Gold und Silber ift ja nur Einbildung u. f. w.“ Kurz, jeder Menſch ift im fih überzeugt, e8 wäre Alles, was er wäre, beſſer als Alle Andere, Die Das find, was er wäre, aber nicht tft.

Aus diefer Heberzeugung im Menſchen fommt e8, daß der Menſch beftändig in fi ein öffentliches Gerichtsver⸗ fahren hat, daß er über Alles urtbeilt, Alles beurtheilt und verurtbeilt und zugleich executint, denn in ihm fißt ja Alles! Der Menjch ift bei diefem feinem öffentlichen Ge— richtöverfahren in fich zugleich Staatsanwalt, Ankläger, Präfivent, Geſchworner, Zeuge, Richter und Vollſtrecker.

Jeder Theil im Menfchen hat fein eigenes Berlan- gen: ver Menſch ift aus lauter innern und äußern Theilen zufammengefett, vie ſtets ihr eigenes Verlangen haben: das Verlangen des Magens heißt Hunger, das Verlan- gen der Leber heißt Durft, das Verlangen ver Hand heißt

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Habſucht, Das Berlangen des Ohres heißt Neugier das Verlangen des Auges heißt Schauluft, das Ber: langen der Sinne heißt Wolluft, das Verlangen ver Füße heißt Müßiggang, das DVerlangen des Geiftes heißt Freiheit, das Verlangen des Herzens heißt Liebe, das Verlangen des Gemüthes heit Sehnfudht und das Berlangen ver Seele heißt Unfterblichkeit!

Aber vie Milz und die Galle und die Nieren haben aud ihr Verlangen, und ihr Berlangen heißt: Schwarz - ſehen, Anklagen, Berurtheilen! Und endlich das Berlangen ver Muskelkraft heißt: ‚Steine auf die Menſchen werfen!

Aber ver Menfh im Innern, der innere Menfch, fol den andern Menfchen vom Aeußern nicht anflagen und nicht richten, ohne im Innern des Angeflagten alle Acieg genau durchgeleſen zu haben, und foll nicht urtheilen, bis er im tiefften Innern des Angellagten ergründet hat und erforfcht alle Motive und Grundurſachen, und bis vor ihm aufgevedt Liegt die angejchuldigte That, von dem Augen- blide an, wo fie Gedanfe war bis zu dem Augenblide, wo fie zur That in dem innern Menſchen wurde; und ver- urtheilen foll der innere Menſch nicht, bis er fich ſelbſt oollfommen und ganz und mit Kopf und Herz und mit Nerv und Muskel in die Rage des Angeklagten gefegt hat!

Da ift ein Schulviger, der zu ſchmählicher Strafe, zum ſchaͤndlichen Tode verurtheilt ift; begnügt Euch mit der Strafe des Himmels, mit der Gerechtigkeit ver Geſetze, mit der Execution des Nahrichters, aber richtet im

1*

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Eurem Herzen nidt nad), ſeid feine innern Nach— richter, bis Ihr durchſchaut habt das ganze Actenheft von Minuten und Secunden, die fein Verhängniß ihm gefloch« ten bat; bis Ihr durchſchaut habt das Labyrinth ver Schiejale, in welches ihn das Schickſal geftoßen vom erften Odem feiner Geburt bis zum Momente der That; bis Ihr gefehen und gehört habt al’ fein Kämpfen, Ringen, Sträuben und fi) Mühen gegen den Entihluß, bis Schmerz, Unglück, Weh, Zufall, Geſchick, Blut, Bos⸗ heit, Reizung, Noth, Verzweiflung, Vergefienheit, Betäu- bung ſich feine Seele fo lange wie einen Ball zugeworfen haben, bis fie dem Sal nicht mehr entgehen konnte, dem gräßlihen' Darum rihte nit, Du innerer Menih, fondern fege Dich in die Lage des Gerichteten, und dann —: Ecce homo!

Da iſt ein Selbſtmörder! Der Himmel wird ſich der ſchuldigen Seele verſchließen, die Kirche verfagt ihm die geweihte Erde, der Himmel gehorcht dem Emwigen, bie Kirche ift die Bollftrederin des Himmels, aber Du innerer Menfh, rihte nit, beurtheile nit, verurtheile nicht den Unglüdlichen, der den Strich unter feine Lebens⸗ vechnung jegte, bevor Gott den Abſchluß befahl, bis Du Dih in die Stelle des Unglüdlichen geſetzt, bis Du alle Uebergänge vurchgegangen bit, über welche er won ber Liebe zum Leben bis zum Wegwerfen vefjelben ging, und wie er von Schritt zu Schritt ging mit blutenden Händen, mit wundgeriffenen Füßen, mit gefundenen Gliedmaßen, mit zerichligtem Herzen, mit zerfnittertem Geiſte, wie fein

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Lebensgang vielleiht nur ein Gang unter Hagelſchloſſen, unter niederftrömenvden Pfeilen, unter ſchwülen Gewittern war, wie jeder Tag ihm neue Nattern ans Herz warf, wie jeve Stunde an die fharfen Eden feines Seins anſchlug, bi8 es Funken gab, wie jede Minute eine Hoffnung, einen Wunſch aus feinem Leben z0g und fie zertrat, wie jeve Secunde mit frefiendem Höllenftein an feinem zar- teften Gefühle ätte, wie fein ganzes Daſein nichts war, als ein Herabfahren von einem Stachelbaume, ver alle feine Stadeln in Die Höhe richtete; wie endlich Ver⸗ zweiflung, viefe hin⸗ und herfahrende Lauferfpinne über feine Seele hin⸗ und herlief, bis Diefe Seele ven Gedan⸗ fen, über den fte nächtlich gebrütet, in willfürlofer Ueber- wältigung zur That macht! Darum richte nicht, Du innerer Menſch, bis Du Di in Die Lage dieſes Un- glüdlichen gejegt, und dann —: Ecce homo! Da find Menſchen und Thaten, über die das Geſetz oder die öffentliche Meinung und die mächtige, heilige Her: kömmlichkeit der Dinge abgeurtbeilt hat. Wohl! die öffent⸗ liche Meinung ift unangreifbar, weil fie ungreifbar ift, das Herkömmliche ift heilig, weil wir nicht willen. woher e8 kommt, aber der innere Menſch fontere fih ab von der öffentlichen Meinung, der innere Men ift nicht herkömmlich, der innere Menſch ift eine heimlihe Meinung und ein heimliches Geridht, und nichts Herkömmliches; darum richte der innere Menſch nicht mit der öffentlichen Meinung, er richte nicht, er beurtheile nicht, er verurtheile nicht, nicht den Schein,

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nicht den Gedanken, nicht das Wort, nicht den Aufſchrei der Anvdern, ver Angeklagten, der fi) vor ihm Preisgeben- den, bis er ganz in ihre Lage fich denkt, bis er in die inner- ſten Falten ihres Herzens geblidt, bis er kennt al’ vie Kegengüfle und Pfeilregen und Staubfälle und Wolken⸗ brüche und Dachtraufen, unter welchen diefe Menfchen weg- gingen mit gebeugtem Haupt, mit gehrümmten Leib, mit zerichütterter Bruft, mit wundem Herzen ; bis er zuſammen⸗ gerechnet hat die Summe aller Berlegungen, die jene Herzen erlitten, alle Stiche, die Bosheit ihnen beigebracht, alle Riſſe, die Berrath in fie gerifien, alle Wunden, die Unwerth ihnen ſchlug, alle Quetſchungen, die fie im Drude der Zeit erlitten, allen Hohn, den fie von Yühllofigfeit erduldeten, alles Weh, das Rohheit über fie ausgoß, alle Bitternif, in welche Undank fie untertauchte, alle die taufend und tau⸗ ſend Navelftihe von der Aetznadel der Unwürdigkeit, unter welcher fie Jahre lang ftill hielten, ohne zu zuden, die ftillen Schmerzen all’, die in dDiefem Herzen ftanven, und die der Him⸗ mel nicht einmal in Thränen auflöfte, al’ das Jahre lange Zerren und Zupfen des fühllojen Egoismus an den feinften und zarteften blosgelegten Nerven diefer Herzen, dann, innerer Menſch, dann richte nicht, fondern fege Dich in die Lage diefes Menjhen und —: Ecce homo! Du innerer Menſch, Du heimliches Gericht im beimlihen Menſchen, Du fchwarzverlarote Vehme in dem Bruftverließ des Menfchen, richte nicht, urtheile nicht, ver⸗ urtheile nicht, richte das Thun und Laſſen jener Menjchen nicht, von deſſen Herzen Du drei Späne gehauen, ohne fie

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zu hören, damit der ceremonielle Hohn Deines entfeelten Urtheils fich nicht Fehre gegen Deine eigene Bruft, und Dich einmal felbft vorlade vor das Gericht in Dir felbft, und Dir zurufe: Ich richte Dich, wie Du gerichtet, ohne Dich an die Stelle des Angeklagten gefeßt zu haben, ohne feine Leiden, feine Schmerzen, feine Kämpfe, die Reihe von Schändlichkeiten und Kränkungen und Berlegungen und Aufftachlungen und Berräthereien und Unwürdigkeiten, die er erlitt, als Entlaftungszeugen vorzuladen und anzuhören, ohne ihm die größte Rechtswohlthat: die Ergründung feines Seelenzuftanves angedeihen zu laſſen, jo wie Du gerich⸗ tet, jo werde gerichtet, dann —: Ecce homo!

Du innerer Menfdh, richte nicht Über das Thun und Laſſen ver Anvern, parfümire Dich nicht mit Prüderie, ſalbe Did) nicht mit Berfhämtheit, mifche Dich nicht darein mit Deinem Urtheile, wenn neben Dir ein Menſch in dem Augenblid,, wo feine Menfchlichkeit von ſchnöder Unbill, von ſchwarzer Entartung angepadt wird mit glühender Zange, wenn Gemeinheit und Unnatur fo lange in einem Herzen herummäühlen, bis fie den tiefverftedten Zorn, ven lang: zurüdgehaltenen, ven blutrothen Zorn mit Gewalt beraus- gejagt aus feiner Höhle, und er Gebrauch macht von feinen gottgeſchenkten Krallen! Nichte nicht umd werfe Deinen Stab nicht inzwischen, wenn der Menſch, ver tiefgereizte, heraustritt aus fich felber und mit fi) felber ringt, wenn er Luft machen will dem Herzen, in welchen: unendlich lang und ftill mißhandelte, wundgepeitfchte Gefühle und Empfin- dungen wie Cyklopen bei dem lang angeblafenen Feuer endlich

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anfangen zu hämmern und zu ſchmieden und das Zer- trümmerungswerf zu beginnen; wenn fo der Menſch mit fih und feinem Ingrimme öffentlih auf einen Niederwurf geht, halte Dich fen, innerer Menſch, moralifire nicht, bi8 Du in einem folden Herzen gewohnt haft, fege Dich in die Lage diefes Herzens, und dann —: Eccehomo!

Du innerer Menſch, beurtheile weder die Gefühle, noch den Charakter, noch die Ausbrüche anderer Menfchen, bis Du Dich in ihre Tage, in ihren Charakter, in ihr Füh⸗ len, in ihr Blut, in ihre Xiebe, in ihren Haß, in ihre Ner⸗ ven, in ihre Kraft, in ihre phyſiſche und geiftige Beichaffen- beit, in ven ganzen Gang ihrer Empfindungen und in ven ganzen Cyklus deſſen eingelebt haft, was fie geftritten, ge- litten, erlebt, erſtrebt, geduldet und verſchuldet haben!

Du innerer Menſch, legft bei Deinem Urtheil ven Mapftab an Dich an! Ungerehter! Haft Du viefelben Nerven, die der Andere hat? Haft Du dasjelbe Blut? Haft Du diefelbe Urkraft des Denkens und Fühlens? Haft Du ihon diefelben Kämpfe und Siege und Niederlagen erlitten, wie diefer Andere? Iſt Dein Herz von denfelben Gefühlen durdhzittert worden? Hat Dein Auge viefelbe Thräne durch⸗ ſchnitten? Iſt Deine Bruft von demfelben Erdbeben erſchüt⸗ tert worden? Sind Deine Adern mit demſelben heißen Teuer durhfprigt worden? It Deine Seele durch vie Spitz⸗ ruthengafje folder Erfahrungen gelaufen? It Dein Ich auch fo gejagt, gehegt worven von der ganzen Meute des Derraths, der Öemeinheit, der Nievrigkeit, des Undanks? Haft Du es auch ſtets und immer wieder von Neuem

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verfucht, die aufgeregten, gepeitjchten, endlich empörten Skla⸗ ven: die Leivenfhhaften, vie Wilden und Schwarzen in jeder Menfchenfeele, mit kaltem Geift zu bänbigen, und ift e8 denn Dir ſtets gelungen? Warft Du auch innerer Friedensrichter in Dir felbit, wenn auf einmal Bosheit und Sünde alle eingefchlafenen Proceſſe und alle mit ger ichlofjenen Augen liegenden Kämpfe und Krämpfe in Dei— nem Innerſten aufrüttelten und zun Angriff veizten?

Du innerer Menſch, richte in der Falten Zone Deines Verſtandes nicht Darüber, daß in der heißen Zone der Leidenſchaft riefigere Geſchöpfe, ftachligere Pflanzen, wilderes Wachsthum gedeihen!

Du innerer Menſch, wohl ift e8 bequem, auf dem Maulthiere feines Phlegma, von den Fackeln des Verſtandes beleuchtet, über die Höhen und Gipfel anderer Herzen hin- zuziehen und ſich feines ficheren Lebenspfades zu rühmen, während dieſe Höhen von Gewitterſtürmen umtobt, von Stürmen zerriffen, von Zerklüftungen durchfchnitten, nur dazu da zu fein ſcheinen, daß das Licht einer Tadel fie grell beleuchte, und er ausrufen möchte: wie ſchrecklich!

Du innerer Menſch, ver Du ftets ven Kopf als Steuermann willit, und nie das Herz over das Blut, richte nicht, bis Du mit diefem Steuermann aud) gefahren bift auf dem Meere des Lebens, durch Sturm und Klippen, durch Riefenwellen und Brandung, durch Winvesgeheul und Wogenjhaum, fo lange vergebens fümpfend gegen Orkan und Donner und aufgebäumtes Element, bis der Kopf endlich das Steuerruder ſinken läßt und flumm zufchaut !

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Du innerer Menſch, warum haft Du blos ein Sehrohr für das, was Dir fiehft und lefeft von einem Menihen, warum haft Du blos em Hörrohr für das, was Du hirft und was man Dir fagt von einem Menſchen, warum haft Du für ihn nicht auch ein Fühlrohr, ein Stethoffop, das Du anlegft an den andern inneren Men chen, an fein Herz, um berauszufühlen den Umlauf feines Blutes, das Klopfen feiner Adern, die Verengerung und Erweiterung feiner Herzader, die Eiterungen feines tiefen Wehes, die Verblutungen feiner Aorte?!

Darum, innerer Menſch, richte nicht, urtbeile nieht, verurtheile nicht, und wenn der ausbrechende Zorn einmal offene Tafel hält und zu Gerichte fitt, wie Attila am freien Marfte, und die Schuldigen züchtigt aus gott- abgeftammtem eigenem Richteramt, und er Euch einladet zum Zufchauen, dann [haut zu, aber urtheilt nicht, bis Ihr Euch an die Stelle des Zafelgebers jest, bis Euch wie ihm die Schlechtigfeit Bitterfalz in die Schüffel des Lebens ge- ſchüttet, bis Euch wie ihm Schledhtigfeit den Trank ver Mahlzeit vergällt, bis Euch wie ihm Schlechtigfeit die Gänge ver Tafel zerworfen, verwirrt und zerrüttet, bis Euch wie ihm Schlechtigkeit das Glas bis zum Ueberfließen ge- fült, 618 Euch wie ihm Schlechtigkeit jeden Brofamen ver- giftet, dann ftelt Euch Euch felbft gegenüber, {haut dann Euren inneren Menfhen an, und dann —: Ecce homo!

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Der Brautſchleier.

Feftgebicht zur Vermählung Sr. Majeftät Des Kaifers Franz Joſeph mit Shrer T. Hoheit der Herzogin Elifabeth in Baiern.

Es⸗ ſaßen vier Elfen, ich weiß es nicht wo, Sie ſaßen am Webſtuhl ſo heiter und froh; Es ſaßen vier Elfen, ich weiß es nicht wann, Und webten am Webſtuhl und lachten ſich an; Es ſaßen vier Elfen, ich weiß nicht wie lang, Und webten am Webſtuhl bei ſüßem Geſang.

Es ſtiegen vier Englein vom Himmel herab,

Mit ſilbernen Flügeln und güldenem Stab;

Es traten vier Englein zum Webſtuhl ganz ſacht Und ſah'n das Geweb' an, voll Zartheit und Pracht, Es fragten vier Englein, in Huld und in Zier: „Ihr vier Elfen ſchöne, was webt ihr denn hier?“

Die vier Elfen Sprachen verſchämt und balblaut: ‚Wir weben den Schleier der lieblichften Braut,

Shr vier Englein ſcheint aus dem Himmel entfehwebt, Zu rathen ung, was in den Schleier man webt

Der berrlichften Braut, die im Erdenthal lebt;

Die herrlichfte Braut auf der Erde ift’S werth,

Bon Englein und Elfen zu werben bejchert!“

Da nah’ die vier Englein zum Webftuhl heran, Und Segliches ftellt zu den Elfen fi dann,

Da fragte ein Englein mit himmliſcher Ruh’: „Du jüngfte der Elfen, was denkeſt jett Du?“

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„Ich vente,“ verſetzte Das Elfchen fo fein,

‚Ein Sternlein am Himmel möcht Abends ich fein! Wie ſchön wärs, zu fehiffen durch Licht und durch Raum, Der Erbe zu ſchenken den güldenen Saum!

Wie jhön wär's, dem Menjchen, wenn's Herze ihm bricht, Zu füllen das Auge mit Hoffnung und Licht!

Zu hauchen in’ Bufen vom Jenſeits den Keim,

Zu trinten von Wimpern die Thränen geheim!

Zu fteh’n wie ein Blümlein am Bufen ver Nacht!

Zu wachen beim Sram, bei dem Keiner fonft wacht!

Zu wachen mit Müttern am Bettchen vom Kiud!

Zu leiten den Schiffer Dur Dunkel und Wind!

Die Erfte zu fein, wenn Die Wolle zerreißt,

Die Nachts einen fonnigen Morgen verheißt!

Und weil num ein Sternlein fo Holdes thut fund, D'rum den? ih an's Sternlein zu jeglicher Stund’ !”

Da ſagte der Engel: „So webe, mein Kind,

Ein Sternlein hinein in den Schleier geſchwind';

Denn gleich einem Sterm diefe Braut einher zieht,

Sm Aug’ auch ein Liebliches Sternlein ihr blüht;

Ein Sternlein auch wohnt ihr im Herzen fürwahr,

Ein Sternlein auch bellet den Buſen ihr Klar,

Drum webe, du Elfe, ein Sternlein aud ein,

Sie wird ja ein Sternlein am Thronhimmel fein!“

Zur zweiten der Elfen ein Englein tritt zu: „ou zweite der Elfen, was denkeſt jest Du?“

Ich denke,” verſetzte das Elichen fo fein,

„Ein Veilchen im Frühling möcht gerne ich fein! Wie ſchön wär's, dem Bräutigam Frühling mit Luft Als erftes der Blümchen zu ſchmücken die Bruft!

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Die ſchön wär's, als finniges Blümlein im Moos

Geſuchet zu werben vom herrlichften Loos,

Wie ſchön wär's, durch Hauchen den Duft in die Flur

Dem glänzenden Ritter zu zeigen die Spur!

Die ſchön wär's, als Veilchen zu fragen, verwirrt:

Mein hoher Herr, weißt Du, wie's Veilchen denn wird ?

Bom Himmel blau ein Tröpfchen Thau

Salt bei des Mondes Schein in's dunkle Moos hinein,

Es jol auf Erden ein Blümchen werben,

Zwiſchen Himmel und Erb’, vom Himmel e8 begehrt:

„Stel? mich nicht zur Schau! Birg mid) in ber Au, gib mir ein Kleidchen blau,

Mit einem Bischen Duft für meine nächfte Luft,

Sp ganz am flillen Ort, fo blüh' ich gerne fort!

Der Himmel gewährte dem BVeilchen fein Kleid,

Drum den! ich an's Veilchen zu jeglicher Zeit!“

D’rauf fagte der Engel: „So webe, mein Kind, .

Ein Veilchen hinein in den Schleier geſchwind!

Denn glei einem Veilchen ift hold dieſe Braut,

Bom Himmel auf Erden herniedergethaut,

Und gleih Einem Veilchen, fo duftig und zart,

So hat fie die Reinheit des Thaues bewahrt.

D’rum bat ein erhabener Sinn es gepflüdt,

Drum jegund das Veilchen die Kaiferfrom’ ſchmückt!“

Zur dritten ber Elfen ein Engel tritt zu: „Du dritte der Elfen, was denkeft jett Du“

„sch denke,” verfetste das Elfchen fo fein,

„sch möchte am Tiebften ein Lorbeerzweig fein!

Wie Ihön wär's, zu ſchmücken eim ritterlich Haupt, Das früh fih die Schläfe mit Ruhm hat umlaubt!

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Wie ſchön wär's, zu ſchmücken ihm Harniſch und Schild Als Rahmen zu dienen dem fprechenden Bild!

Wie ſchön wär's, als Sinnbild von Ruhm und von Ehr’ Dem Baterland fpredhen vom fiegreichen Heer !

Wie ſchön, mit Veteranen in Schlachten ergrait,

Am Altar des Ruhmes zu werben getraut !

Wie Schön wärs, dem Dichter, vom Glücke verwaif’t, Als Blatt zu verkünden, mas Nachwelt verheißt!

Wie ſchön wär's, zu ruhen bei Kronengejchmeid’ !

D’rum den! ich an Lorbeer zu jeglicher Zeit!“

D'rauf fagte der Engel: „So webe, mein Kind, Hinein in den Schleier den Xorbeer gefchwind, Denn der biefen Schleier wird löfen vom Haar, Dem grünet ber Lorbeer ums Haupt ſchon fürwahr, Er bringt ihn mit Scepter und Fürftentalar,

Als Bruder der Myrthe ihr mit zum Alter.

Der Lorbeer gebüihret dem rofigen Blut,

Der Lorbeer geblihret dem freudigen Muth,

Der Lorbeer gebührt der entfcheivenven That,

Sm Felde der Thaten, im finnenden Rath,

Der Lorbeer, die Pflanze aus feurigem Saft, Schmückt würdig die Krone, das Schwert und den Schaft Deff, der aus Getrümmer und Wahnfinnes Haft Sein Reich als Erretter empor hat gerafit

Durd einigen Sinn und vereinigte Kraft!”

Zur vierten der Elfen der Engel tritt zu: „Du vierte der Elfen, was benfeft jet Du?“

„sch denke,“ verfeßte das Elfchen fo fein,

„sh möcht nach Gewitter ein Regenbogen fein! Wie ſchön wär's, auf finftere, wolfige Wand

Zu malen die Hoffnung mit farbiger Hand,

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Wie Schön wär's, nah Blitz und nah Donnergeroll

Der Welt zu verfünden, daß Gott nicht mehr groll'?

Wie ſchön wär's, zu melden ganz ſtrahlend vor Freud’, Daß Gott allen Menfchen ihr Fehlen verzeibt.

D’rum dent ich, das Eine, das Eine allein:

Wie ſchön wärs, zu künden Durch Licht und durch Schein, Daß Alles vergeben, vergeſſen fol fein!“

Da fagte der Engel: „So webe, mein Kind,

Den Bogen der Iris im’ Schleier geſchwind,

Und hinein, mit zarter Hand,

Der Verzeihung Unterpfand,

Regenbogen, Onabenband,

Ausgejpannt von Gottes Hand

Ueber neu verjüngtes Land!

Regenbogen Gottes meint:

Wolke hat genug gemeint!

Regenbogen Gottes ſchreibt:

Wolfe geht, doch Sonne bleibt!

Regenbogen Gottes fagt:

Erde bat genug geklagt!

Regenbogen Gottes ſpricht:

Ewig zürnen kann ich nicht!

D'rum, Elfe, d'rum web' in den bräutlichen Schleier, Beſtimmt für die Stunde der heiligen Feier,

Den Bogen der Gnade in lieblichem Feuer!

Wer liebt, fühlt im Buſen die Götter erwachen, Wer liebet, iſt glücklich, will glücklich auch machen, Wer heim führt die Blume, ſo lange erſehnt,

Defſ' Herz für das Glück aller Menſchen fi dehnt! D’rum webt nur den Bogen der Traumphantaſie Und webt in den Bogen das Wort voll Magie, Das Wort, das viel fehwerer, als Geift und Genie, Das Wort, das viel ſchöner, als Sangmelodie,

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Ein Wort, vor dem Engel felbft beugen das Knie, Ein Wort, das der Simmel den Serrichern verlieh, Ein Wort, das von Gottes Wort treue Eopie,

Den Demant der Worte, das Wort: „Amneftie!”

Die vier Elfen hörten's und webten e8 fein,

Die vier Englein fagten’s und lächellen d'rein, Die vier Elfen jchafften den Schleier ganz ſchnell, Die vier Engelein nahmen ihn mit fidh zur Stel”. Bier Englein, vier Elfen, fie faßten ihn an

Und trugen durch weißblauen Himmel ihn dann; Die Englein, fie beten den Segen Dabei,

Die Elfen, fie fingen die Brautınelobei.

Es hüllten das Tiebliche Antlit barein

Bier Engel, vier Elfen im fonnigen Schein;

Es gingen zur Kirch’ ungefehen auch mit

Bier Engel, vier Elfen, als Hochzeitgebitt‘.

Es nahmen den Schleier, nah Kirch’ und Altar, Bier Engel, vier Elfen ihr zart aus dem Haar, Es legten den Schleier, ‚vo zart und fo loſ',

Bier Engel, vier Elfen der Hohen in'n Schooß, Es ſchwebten dann wieder in Lüfte empor

Bier Englein, vier Elfen und fangen im Chor:

„Run zum Felt der Huldigungen Strömt alle Welt berein,

Wer ein hboldes Weib errungen, Miſche jeinen Jubel ein!“

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Eheheiligkeit.

E. gibt kein heiligeres, das Herz mit einer ſüßeren und ſtilleren Seligkeit füllendes Wort, als das Wort: Che! Wehe dem Lefer, dem nicht jetst ſchon dieſes Wort ing Herz hineimtönt und mit leifer Ahnung jener Seligfeit darin zitternd fort« und nachklingt! Die Ehe ift das Rofenfeft ver Liebe, der große Vereinigungstag der Seelen, das Sneinanverwehen zweier Veſta⸗Flammen auf dem Altare der reinften Tugend. Nach dem ſüßen VBortraum der Liebe, in den wir die Zeit wie an einer Blumenuhr, nur an Blü⸗ tenkelchen und Roſendolden mefjen, und das Allfpiel des Univerfums wie eine Flötenuhr uns umklingt, nad, dieſem Borhimmel vol Frühgold und Morgenrofen, tritt der Süngling in vie heilige Stiftshütte ver Ehe, und ver wahre Himmel mit feinem nie fterbenvden Blau und feiner unendlichen Tiefe, mit feinen nie erbleihenvden Sternen und feinem ewigen Sphärenflange Ienft ſich herab auf fein Haupt, und leuchtet mit feinen hellen und warmen Strahlen weit in fein Leben hinein.

Da umfaßt der Süngling fie, die Einzige, die er lange mit zartem Flügelſchmelz in fchener Achtung auf ven Vittigen feines Herzens getragen, die er mit lodenven,

M. G. Saphir's Schriften. VII. Bd. 2

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bebenden, leisgehauchten Liebesklängen nachzog und nadı= jang, in den ftillen Blumenaugen ihrer Jungfräulichkeit, und im ftillen feufchen Schauen fich ergött an dem Spiel ihrer Augen, in denen vie Votivtafeln der Unſchuld und ver Reinheit unter der Feuerkaskade ihrer Blide in fühen Zügen ſchwammen; da umfaßt er fie in der Polhöhe feines Glüdes, und ein lauter, belebender Auferftiehungshaud weht warm und frifch über die eingefunfenen Leichen- und Leivenshügel feiner langen, flummen Liebe Hin, und wie am großen Grä⸗ berfefte fteigen alle feine Hoffnungen und Wünfche heraus aus ihren Todtenhüllen und fledhten ihm ven Immergrün- franz himmliſcher Ehewonnen um die glüdumflogene Schläfe.

Wehe und wehe aber ven Jünglingen, denen die Liebe nichts ift, als eine Spielmarfe der Zeit, nichts als das Borgebirge der Genußhoffnung, denen die Hallelujaden veiner Sympathie wie die feszennifchen Lieder heißkochender Sinne erllingen, denen die Ehe nichts ift, als ein gefell- ſchaftliches vierhändiges Spielftüd, nichts, als wie das Paar oder Unpaar der Leidenſchaft! Dieſe erbliden in dem reinften Spiegel des reinften Mäpchenblides nur ihr eigenes Selbft, viefen an ſich jelbft nagenden Luftteufel und Scor⸗ pion; diefe hören in dem zarten Schlagen der mit heiligem Dunkel überbauten Jungfräulichkeit nur das Pochen und Hämmern ihres in ſich getragenen Bohr- und Todtenwurms ver Gier, und das leife, nur den Ölumenfingern der Rein⸗ heit verſpürbare Bulfiren jungfräulicher Liebe ift ihnen blos ver Auctionshammer ver fih losſchlagenden Sinnlichkeit ! MWehe! und dreimal wehe euch! ihr werbet vorgefordert

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werden und Rechenſchaft geben müſſen dort über jeden trüben Anhauch, mit dem ihr den Spiegel eines reinen Weibergemüthes befledet; über jeden Staubfaden weiblicher Blüte, den ihr mit euren Giftbliden angeweht; über jeve Sünde, die ihr in der geheimften Herzensfalte gegen ven heiligen Geiſt der Tugend begannet, über die heimlichfte Thräne, über vie leiſeſte fehmerzliche Mundverzudung ver von euch verlodten, betrogenen und in ihrer Zartheit und Wehrlofigfeit tief in fich verfallenen und niederge— beugten Weiblichkeit.

Ihr edlen und unentwerhten Jünglinge aber, in deren nie befledter Herzensfchale der Goldtropfen keuſcher Liebe zitternd hängt der Gegenftand eurer Liebe ſchwebe nun blos, wie die geheime Vorabnung eines befjern Seins vor ver blauen Ferndecke eurer Seele, over er blühe ſchon im Leben wie das Blümchen Augentroft (Euphrasia) vor eurem trunfenen Blid glaubt mir, ihr zieht an euren Gefühlsfäden und Liebesfeilen euren Himmel und den wahren, eure Seligfeit und die unenblihe nad euch. Sahet ihr einft das verjchloffene Paradies Liegen in den Augen eurer Geliebten und Braut, jo liegt jegt in ven Bliden eures keuſchen, euch anvermählten Weibes Das offene Paradies mit feinem immer blütetreibenden Yrühlinge und mit der deutlichen Offenbarung eures fteten Glüdes. Hörtet ihr fonft in ihren Lieblofungen die Yrühgloden des anbredenden Wonnemorgens, vie leifen, ins Herz hineinflingenden Bortöne und Präludien zufammenfchmel- zender Accorde, fo hört ihr jest in ven zärtlichen Tönen

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eurer Seelenhälfte vie Pfalmenklänge des Friedens und der unfterblichen Liebe, das „Sanctus" der weihevolliten und gottgefegnetften Eintracht und Seligkeit!

Darum, o darum haftet feit an vem Glauben an die veine Jungfrau, diefe Glaubenslehre macht euer künf- tiges Heil! Eine nur weihet euch, und dieſe Eine jei euer Bolarftern, dem ihr immer und ewig nachzieht. O gleichet nicht dem leere, Das aus offenem Bufen jeven Sonnenblid, jeven Sternenfchein zurückwirft und bei jedem Blitzſtrahl buhleriſch aufleuchtet, fondern dem Demantftern, der im eigenen Glanze lange leuchtet, ver Mufchel, Pie nur einen Tropfen aufnimmt und ihn in feliger Stille zur köſtlichen Perle beförbert.

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Der ſchönſte Edelſtein.

Vergebt, daß ich vor eines Poſſenſpiels Geſtalten

Vor Euch erſchein', mit ernſtbeſchwingtem Wort;

Doch vor der Laune buntbewegtem Walten,

Iſt manchmal eruſte Regung am rechten Ort;

Und gerade, wenn das Herz die Flügelthüren

Weit geöffnet hat für frohen Scherz,

Da ſchlüpft ein Wort, geichaffen, um zu rühren,

Dem Bettler gleich ſich unbemerkt in's Herz,

Und fchleicht, wie mit dem Scherze in Verbindung,

Sich glücklich durch bis zu dem Winkel der Empfindung !

Und ſo fei auch dies Wort zu Euch gelommen,

Und alfo gönnt ihm auch ein Plätschen Hein,

Noch ſteht es an der Thür', ein Bischen iſt's beklommen, Doch fieht es offines Herz und huſch! da iſt's herein!

Im gold’nen Saale fiten fe, die Fürftenföhne, Umgeben von des Purpurs blendendreicher Pracht, Geſchmückt mit Allem, was das Leben kröne,

Mit Allen, was das Dafein herrlich macht;

Und bei der Krone, die im Marmorfaale

Aus taufend Edelfteinen ihre Strahlen bligt, Entipinnt ein Wettftreit fih mit einem Male: „Welch' ein Juwel den höchſten Werth befigt!“ In welchem Edelſteine der ſchönſte aller Kerne,

Sn welchem Ebelfteine die reinfte Flamme ruht, Welch' ein Juwel am nächſten ſteht dem Sterne, In welchem Stein die ſchimmervollſte Gluth?

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Und Einer von den Fürften jagt im folgen Zone:

„Der Demant ift ver König im Juwelenreich!

Ihm gleicht Fein anderer Stein der Fürftenfrone,

Und fein Juwel kommt ihm an Glanz und Klarheit gleich? Iſt nur der Diamant in Gluth und Fluth zu ſchauen.“

Der Zweite fpricht: „Ich aber geb’ dem Feuer

Den Vorrang, der da wohnt im Rubin;

Er gleicht dem zartgewebten Roſenſchleier,

Den Phöbus’ Finger durch das Frühroth zieh'n! Aubinenglanz, er gleichet dem Erröthen,

Der aus dem Schnee von Mäpdchenantlig bringt,

Und ein Gedanf an Kaljchheit Tann ihr tödten,

Daß an der Hand er blaß wirb und zeripringt,

Und weil Gedanke nur von Schuld ihn macht erbleicherr, D’rum kann kein and'rer Epelftein an Werth ihm gleichen.”

Der Dritte ſpricht: „Smaragd allein ift meine Wonne. Sm Strahle vom Smaragd liegt Wunderkraft,

Weil er dem Aug’, das wund vom Licht der Sonne, Durch feines Schmelzes Milde jüße Labung fchafft;

Wie nah dem großen Schöpfungewort: „Es werbe!”

Das Feld, die Flur, der Plan, Die Au’, der Sag,

Der Berg, das Thal, Die ganze junge Erbe

Im grünen Yügerfleive vor uns lag,

Sp Tann nur aus Smaragdes grünen Flammen,

Ein grünes Heer von Früplingsftrahlen flammen!”

Dann kommt an bie Andern auch die Weihe, Granat, Saphir, Opal erhalten auch ihr Lob, Als fih mit einem Lächeln ftiller Herzensweihe Der Süngfte von den Fürften mild erhob:

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Ihr habt den Ebelfteinen allen bier gehufbigt, Und ſchwer ift unter ihnen ber. Vergleich,

Ich aber zeige, wenn Ihr mich entichulbigt,

Den allerichönften Evelftein doch Euch!

Und wollt Ihr ein Paar Schritte mit mir geben, So follt Ihr meinen Edelſtein gleich jehen!"

Und gerne folgen aljogleich die Anbern,

Er führt vom Thore in die Vorſtadt fie hinaus,

Wo fie erwartend, ftille mit ihm wanbern,

Bis an ein kaum vollendet, groß geräumig’ Haus; Noch hat's kein Dach, e8 fliehen kahl die Mauern, Die Thüren und die Fenſter find der Flügel frei, Doch wird's, man fieht'8, nicht gar jo lang mehr dauern, Daß das Gebäude gänzlich fertig ſei.

Und an des Haufes annoch unbeſchritt'ne Schwelle Liegt rohgemeißelt und vieredig da cin Stein, Daneben liegt ein Hammer, gleich dabei die Kelle, Und Mörtel bringt man in ben Trog herein;

Der Fürft bleibt ſtehen, bückt fid milde nieder

Und fpridt: „Dies Haus da, vielgeliebte Brüder, Nächſt Gott iſt's meinem Schuge anvertraut;

Für Siehe und für Kranke iſt's erbaut.

Hier foll der Arme die Geneſung finden,

Wenn ihm die Lebenskräfte langfam ſchwinden,

Hier Toll den Lechzenden man laben,

Hier fol am Bett! des Schlummerlojen, Schwachen Ein freundlich' Auge mitternächtlich wachen;

Hier fol, der fo allein ſteht und verlafien,

Mit neuer Zuverſicht Die Retterhand erfaflen,

Hier jol der müde Wanderer in der leiten Stunde Ein Friedenswort vernehmen aus geweihtem Munde, Und dieſen Quader leg’ ich jetzt als Grundſtein ein Und ſag' Euch frei: Das iſt mein ſchönſter Edelſtein!“

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Da bückten fi) gerührt und ohn' Bedenken

Die Fürften all’, den Grundſtein einzufenten,

Und gaben ſtill dann Erbe auch hinauf,

Und mandes Frauen-Thränlein tropft darauf,

Und mande fromme Zähre auf den Grundſtein rann, Als fie das Kreuz auch fchlugen mit dem Sammer bann Und ſtill fortmau'rten und beteten dabei,

Daß es in Gottes Huld befohlen ſei!

Und es fhien, als ob aus dem frommen Hammerfchlag Ein Echo des Gebets zum edlen Fürften brang:

„Was Du verſenkſt in ftiller Erdennacht,

Das ſchaut das Aug', das in dem Himmel wacht; Weil Du gemauert haſt an Gottes⸗Stein,

Wird eine feſte Mauer Gott Dir ſein,

Und mit dem Haus, das Du gar der Erd' vertraut,

I Haft auf den Himmel Du gar fromm gebaut!

Und trittft Du einften® in den Himmel ein, Sol diefer einfach fchlichte Manerftein Dir eine Stufe mehr zur ew'gen Grabe fein!"

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Stauenwürde.

Waliche Unſchuld und Reinheit im höchſten Sinne iſt das Höchſte und Heiligſte auf Erden. Hier iſt die Stufe, über welche Gott zum Menſchen herabſteigt; eine Jungfrau iſt als ſolche nothwendig zugleich ein Engel in Menſchen⸗ geſtalt, worüber man das Wörterbuch aller Dichter und Verliebten nachſehe. Kinder nämlich (das heißt Dichter) und Narren (das heißt Verliebte) reden nach einem alten Sprich⸗ worte ſtets die Wahrheit. Eben darum konnte der ewige Gottmenſch auch nur von einer reinen Jungfrau geboren werden, wie es alle vorchriſtlichen Sagenlehren ahnen, in denen von der Menſchwerdung eines Gottes die Rede iſt, und wer dies Stück der Glaubenslehre umgeht, vernich⸗ tet damit zugleich die Gottheit des Chriſtus.

Eben darum iſt der höchſte Gipfel des Schönen in der zarten Geſtalt des unſchuldigen Weibes die Mutter iſt nur ſchön, in ſo fern ſie ſich ſelbſt als ſolche noch Jung⸗ fräulichfeit erhalten fonnie und der höchſte Sieg ver Kunft in der mebicäifhen Venus und der Madonna, darum ift Schönheit und Jungfräulichkeit eigentlicd) einerlei im tiefften Urgrund. Darum leuchtet dev Himmel mit allen feinen Sternen aus dem reinen Dlide ver Jungfrau, die

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nichts davon weiß, daß ihr unbefangen vie Erde betrach⸗ tendes Auge den Himmel rüdftrahlt durch Offenbarungs- wunder. Darum vermag die edle Herrin den wildeſten Ritter zu fänftigen, und darum ift die Zugend, Wahr- heit und Schönheit in allen tugenphaften Sprachen weib- lichen Geſchlechtes.

Mer dies Heiligthum des Jungfrauenherzens nicht ehrt und anbetet, ift auch fein Menſch, und wer viefen reinen Spiegel des Himmels befleden kann mit ver Luft der Erde, der begeht Die eigentliche Sünde wider den heiligen Geiſt!

Wehe euch neumodiſchen Weiberhaflern, die ihr im reinen Spiegel des weiblichen Herzens nur den eigenen Teufel erblidt, da er doch jedem guten Menfchen ein Engelbild zuftrahlt. Glaubt und jagt nicht, Daß dieje Reinheit des Weibes jett etwa feltener fer als je; fuchet fie nur zu allen Zeiten, und ihr werbet fie ſtets finden, wo fie am wenigften gefucht wird.

Eine Zeit und ein Volt, wo man die Frauen nicht ehrt, iſt eben darum eine ſchlechte Zeit und ein geſunkenes Volk, und einſt wird das jüngſte Gericht von dem geſun⸗ kenen Männervolke des Zeitalters Vergeltung fordern für all' die unzähligen ſtill und heimlich gefloſſenen Thränen und erſtickten Seufzer der verkannten, zertrümmerten und niedergedrückten Weiblichkeit!

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Der Liebe und des Ruhmes Kranz.

Vergebt, Ihr Herrn, der Dieter ſelbſt, aus deſſen Händen Ich dieſe Heine Dichtung bier erhielt, Rieth mir, mi an bie Frauenwelt zu wenden Mit feinem ſchlichten Phantaſie⸗Gebild; Er meint, das Frauenherz nur kann enticheiben,